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Mit sich selbst zu sprechen, wenn man allein ist: Die Psychologie sieht darin oft ein Zeichen besonderer Fähigkeiten.

Eine Person schreibt in ein Notizbuch am Schreibtisch, mit einem Tablet und Pflanzen im Hintergrund.

Du räumst um 22 Uhr den Geschirrspüler ein.

… murmelst dabei: „Teller, Teller, Löffel … nein, nicht dahin, das ist falsch“, und plötzlich erwischst du dich selbst. Du erstarrst, schaust in deine leere Küche und spürst diesen kleinen Stich Verlegenheit: Rede ich … gerade mit mir selbst?

Du bist nicht verrückt. Und du bist damit auch nicht allein. Vom Typen, der im Auto Argumente durchspielt, bis zur Studentin, die im Bibliotheksklo Prüfungsantworten flüstert: Stille Wohnungen und geparkte Autos sind voller privater Monologe. Manche verbergen es. Andere lassen es zu – mit einer Art schamloser Erleichterung.

Psychologinnen und Psychologen nehmen diese „seltsame“ Gewohnheit inzwischen ernst. Und die Ergebnisse sind nicht das, was die meisten erwarten. Sie sind deutlich schmeichelhafter.

Und sie stellen eine entwaffnende Frage: Was, wenn diese Stimme, die du hörst, wenn niemand da ist, tatsächlich ein Zeichen für etwas Außergewöhnliches ist?

Warum mit sich selbst zu reden eher genial als „verrückt“ ist

Beobachte jemanden, der wirklich in eine Aufgabe vertieft ist. Nicht am Scrollen. Nicht halb nebenbei drei Dinge gleichzeitig. Sondern richtig fokussiert. Du wirst sehen, wie sich die Lippen bewegen, die Augenbrauen zucken, ein leises Flüstern entweicht: „Okay, Schritt drei … jetzt den grünen Knopf drücken.“

Dieser dünne Faden aus Laut ist dein Gehirn, das Denken nach außen verlagert. Es ist, als würde dein Geist für einen Moment aus deinem Kopf heraustreten, um um das Problem herumzugehen und es aus jedem Winkel zu betrachten. Je komplexer die Aufgabe, desto häufiger taucht diese äußere Stimme auf.

Psychologinnen und Psychologen nennen das „selbstgerichtete Sprache“ (self-directed speech) und bringen es mit fortgeschrittenen exekutiven Funktionen in Verbindung: Planen, Selbstkontrolle, mentale Flexibilität. Auf gut Deutsch: die mentalen Werkzeuge, die das Leben leichter machen, wenn es kompliziert wird.

Nimm einen einfachen Einkauf. Forschende haben Menschen in supermarktähnliche Umgebungen geschickt und ihnen eine Liste von Dingen gegeben, die sie finden sollten. Einige sollten schweigen. Andere sollten die Wörter laut wiederholen, selbst ganz leise: „Milch, Kaffee, Bananen.“

Die „Sprecher“ fanden die Produkte schneller. Ihr Gehirn dockte an den Klang des Wortes an, filterte visuelles Rauschen heraus und entdeckte, was sie brauchten. Das ist derselbe Trick, den Kinder nutzen, wenn sie beim Lernen laut lesen. Mit sich selbst zu sprechen macht die unsichtbare Bedienungsanleitung im Kopf ein Stück greifbarer.

In einer weiteren Studie, die in der kognitiven Psychologie oft zitiert wird, schnitten Erwachsene, die sich durch knifflige Rätsel hindurch selbst anleiteten, besser ab und machten weniger zufällige Fehler. Sie wurden nicht auf magische Weise intelligenter. Sie ordneten ihre Gedanken, indem sie sie in Klang verwandelten. Das ist eine stille Superkraft, verborgen in etwas, wofür man sich zu schämen gelernt hat.

Die Logik dahinter ist erstaunlich einfach: Dein Gehirn hat nur begrenzten Arbeitsgedächtnis-Speicher. Es kann nur wenige Dinge gleichzeitig jonglieren, bevor etwas runterfällt. Wenn du deine Gedanken aussprichst, lagerst du einen Teil dieser Jonglierarbeit in Sound und Rhythmus aus.

Wörter werden zu Ankern. „Erst die E-Mail, dann der Anruf, dann Mittagessen“ ist weniger rutschig, wenn du es hörst. Gesprochene Sätze geben deinem Denken Struktur – so wie Linien auf Papier die Handschrift führen. Mit sich selbst zu reden ist kein Systemfehler; es ist eine Art, das System unterwegs zu upgraden.

Und dann gibt es noch eine weitere Ebene: Emotionen. Wörter organisieren nicht nur Aufgaben; sie regulieren Stimmung. „Du hast das schon mal geschafft, atme“ laut zu sagen, kann tatsächlich Herzschlag und Muskelspannung verändern. Der Ton, den du dir selbst gegenüber verwendest, wird Teil deines emotionalen Werkzeugkastens.

Wie du mit dir selbst redest wie ein Profi (ohne dich lächerlich zu fühlen)

Eine kleine Verschiebung verändert alles: Statt „ich“ zu sagen, sag „du“ – oder verwende deinen eigenen Namen. „Ich schaffe das“ fühlt sich anders an als „Du schaffst das, Alex.“

Forschende haben herausgefunden, dass dieser simple Kniff Distanz zwischen dir und deiner Panik schafft. Du trittst aus dem rotierenden Gefühl in deiner Brust heraus und in die Rolle eines Coaches oder einer Freundin. Ein mentaler Sidestep, der das Nervensystem beruhigt.

Wenn dein Gehirn also das nächste Mal anfängt zu rasen, geh an einen ruhigen Ort, senk die Stimme und erzähl den Moment, als würdest du jemand anderen anleiten: „Okay, du bist angespannt. Du sitzt auf dem Bett. Du hast Schlimmeres geschafft. Hier ist der nächste kleine Schritt.“ Das ist keine Magie. Es ist eine Methode.

Der Teil, den niemand zugibt: Am Anfang wirst du dich unbeholfen fühlen. Du beginnst einen Satz, verdrehst die Augen über dich selbst und brichst mitten im Wort ab. Das ist okay. Sich albern zu fühlen ist kein Zeichen, dass du es falsch machst – sondern dass dir niemand gezeigt hat, wie normal das ist.

Der größte Fehler ist, diese Selbstgespräche nur zum Angriff auf sich selbst zu nutzen. „Du Idiot, warum hast du das gesagt?“ „Du versaust das immer.“ Wenn ein Freund so mit dir reden würde, würdest du gehen. Und trotzdem akzeptieren viele Menschen diesen Ton von ihrer eigenen Stimme – täglich.

Versuch, jeden Tag nur einen dieser harten Sätze zu erwischen. Versuch nicht, alles sofort zu reparieren. Seien wir ehrlich: Das schafft niemand wirklich jeden Tag. Mach einfach eine Pause und formuliere um: „Du lernst gerade“, oder „Das hat wehgetan, aber du bist noch da.“ Diese kleine Korrektur, über Zeit wiederholt, schreibt das Skript um.

Ein Sportpsychologe hat mir einmal etwas gesagt, das mir geblieben ist:

„Die einflussreichste Stimme in deinem Leben ist die, die niemand sonst hört. Trainiere sie so, wie eine Athletin ihren Körper trainiert.“

Du brauchst keine fancy Tools, um anzufangen. Du brauchst ein bisschen Privatsphäre und die Bereitschaft, menschlich zu klingen. Flüstere beim Kochen. Murmle im Auto. Schreib Sätze auf und lies sie dir dann leise vor.

  • Nutze Selbstgespräche für klare, einfache Anweisungen: „Schick diese E-Mail jetzt.“
  • Wechsle in Stressmomenten zu „du“ oder zu deinem Namen, um Distanz zu schaffen.
  • Nimm gemeine Formulierungen wahr und korrigiere sie sanft, statt sie durchrutschen zu lassen.
  • Reserviere dir einen urteilsfreien „Sprechraum“ (Dusche, Pendelweg, Abendspaziergang).
  • Halte es kurz. Lange Reden wirken künstlich; kurze Sätze bleiben eher hängen.

Wenn mit sich selbst zu reden die Tür zu etwas Größerem wird

An einem Sonntagabend beschrieb ein junger Ingenieur, den ich interviewt habe, wie er in seiner winzigen Wohnung auf und ab ging und vor Meetings Ideen laut probte. Er zeichnete Zahlen in die Luft, halb redend, halb gestikulierend. Jahrelang dachte er, das beweise, dass er nicht „für die Konzernwelt gemacht“ sei.

Dann zog ihn sein Vorgesetzter beiseite: „Was auch immer Sie vor diesen Präsentationen machen – machen Sie weiter so. Ihr Denken ist kristallklar.“ Seine privaten Monologe schärften still seine öffentliche Performance. Was er als Makel sah, war in der Praxis ein Trainingsritual.

Auf einer anderen Ebene geben Künstlerinnen, Autorinnen und Wissenschaftler oft zu, dass sie laut mit sich selbst diskutieren. Sie testen Ideen, widersprechen, beantworten ihre eigenen Zweifel. Es gibt einen Grund, warum so viele kreative Menschen gedankenverloren wirken und auf Fluren halb sprechen: Sie arbeiten.

Das heißt nicht, dass jede Stimme im Kopf ein Zeichen von Brillanz ist. Es gibt eine Grenze, an der Selbstgespräche in etwas Überwältigendes, Eindringliches oder Belastendes kippen. Wenn dein innerer Kommentar zu einem dauerhaften Sturm wird, der dir Angst macht oder dich von der Realität wegzieht, verdient das Fürsorge und professionelle Unterstützung.

Für die meisten Menschen ist dieses leise Murmeln in der Küche oder das Flüstern auf dem Heimweg aber etwas anderes: Dein Gehirn versucht zu helfen, nicht zu schaden. Es ist eine raue, selbstgemachte Form von Strategie, Trost und Probe. Statt dagegen anzukämpfen, kannst du es formen.

Und sobald du es so siehst, wirken viele geheime Gewohnheiten plötzlich weniger wie ein Beweis, dass du „komisch“ bist – und mehr wie kleine Zeichen dafür, dass dein Kopf aktiv und mutig sein Bestes tut, um mit einer lauten Welt mitzuhalten.

Kernpunkt Detail Nutzen für die Lesenden
Selbstgespräche steigern die Konzentration Aufgaben laut auszusprechen ordnet Gedanken und filtert Ablenkungen. Hilft, sich bei Arbeit, Studium und Alltagstätigkeiten besser zu fokussieren.
Der Pronomenwechsel zählt „Du“ oder der eigene Name schafft in Stressmomenten emotionale Distanz. Hilft, ruhig zu bleiben und bessere Entscheidungen zu treffen.
Der Ton der Stimme ist trainierbar Harte Sätze durch unterstützende zu ersetzen verändert langfristige Muster. Stärkt Selbstvertrauen und reduziert zerstörerische Selbstkritik.

FAQ:

  • Ist mit sich selbst zu reden ein Zeichen für eine psychische Erkrankung? Nicht unbedingt. Für die meisten Menschen sind gelegentliche Selbstgespräche ein gesundes kognitives Werkzeug. Bedenklich wird es, wenn Stimmen von außen zu kommen scheinen, bedrohlich sind oder den Alltag beeinträchtigen.
  • Macht mich das Reden mit mir selbst schlauer? Es erhöht nicht den IQ, kann aber die Leistung verbessern, indem es Gedanken klärt, das Gedächtnis stützt und bei komplexen Aufgaben die Nerven beruhigt.
  • Ist es besser, laut zu sprechen oder nur still zu denken? Lautes Sprechen hat meist stärkere Effekte auf Fokus und Emotionsregulation – aber auch Flüstern kann helfen, wenn du nicht gehört werden willst.
  • Können auch Kinder von Selbstgesprächen profitieren? Ja. Kinder kommentieren ihre Handlungen ganz natürlich; das unterstützt Lernen und Selbstkontrolle. Viele Expertinnen empfehlen, den Ton zu begleiten statt es zu unterdrücken.
  • Was, wenn meine Selbstgespräche überwiegend negativ sind? Fang damit an, Muster zu bemerken, und formuliere dann ein oder zwei Sätze pro Tag sanft um. Wenn die Negativität überwältigend wirkt, kann eine Therapeutin oder ein Therapeut helfen, diesen inneren Dialog neu zu gestalten.

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