Der Heizkörper tickt leise in der Ecke – dieses winzige Geräusch, das man nur an Abenden bemerkt, an denen die Kälte ein bisschen mehr zwickt als sonst.
Draußen liegt Nebel über der Straße, und die Fenster leuchten nacheinander orange auf, weil die Menschen die Heizung aufdrehen. Auf dem Sofa streitet ein Paar über das Thermostat: 19 °C oder 22 °C? Einer friert unter einer Decke, der andere sorgt sich um die Energierechnung – und beide schwören, sie hätten „irgendwo“ gelesen, welche Temperatur die richtige sei. Die berühmte 19-Grad-Regel hängt im Raum wie eine Schulstunde, die niemand je wirklich hinterfragt hat.
Doch die Welt hat sich verändert. Wohnungen sind besser gedämmt, viele arbeiten von zu Hause, und Winter schwanken innerhalb derselben Woche von mild bis brutal. Die alte Zauberzahl fühlt sich plötzlich … falsch an. Fachleute wissen das – und sie sagen es inzwischen auch offen. Die neue Idealtemperatur, die sie vorschlagen, überrascht. Und sie ist flexibler, als man denkt.
Abschied von 19 °C: Warum die alte Regel nicht mehr zum echten Leben passt
Jahrelang wurden 19 °C als Goldstandard verkauft: umweltfreundlich, vernünftig, fast schon moralisch. Den Thermostat höher zu stellen, fühlte sich an wie ein guilty pleasure – ein kleiner Verrat am Planeten. Doch wenn man den ganzen Tag vor dem Laptop in einem kaum beheizten Raum sitzt, die Finger auf der Tastatur taub, prallt die Theorie auf eine sehr kalte Realität.
Die Lücke zwischen der empfohlenen Zahl und der Art, wie Menschen tatsächlich leben, ist größer geworden. Ältere Menschen, Kinder, Personen mit Vorerkrankungen, sehr schlanke Menschen, die schnell frieren: 19 °C fühlen sich nicht in jedem Körper gleich an. Genau hier schlagen Expertinnen und Experten inzwischen Alarm.
Man muss nur auf die letzten Winter in Europa und im Vereinigten Königreich schauen. Als die Energiepreise explodierten, versuchten Millionen, die 19-Grad-Leitlinie wie einen Überlebensplan einzuhalten. Eine Studie mehrerer Gesundheitsbehörden zeigte ein klares Muster: Zu lange zu kalt gehaltene Wohnungen standen in Verbindung mit mehr Atemwegsproblemen, mehr Herz-Kreislauf-Beschwerden und einem Anstieg der überzähligen Wintersterblichkeit bei besonders gefährdeten Menschen.
Ärztinnen und Ärzte in der Geriatrie sagen es seit Jahren leise. Unterhalb einer bestimmten Schwelle muss der Körper eines älteren Menschen oder jemandes mit chronischer Erkrankung deutlich mehr arbeiten, um warm zu bleiben. Diese unsichtbare Anstrengung erhöht Müdigkeit, belastet das Herz und steigert das Sturzrisiko. Die Fixierung auf eine einzige „richtige“ Zahl hat manche Menschen dazu gebracht, still zu frieren – aus Angst, „zu viel“ zu heizen oder zu viel auszugeben.
Thermischer Komfort hängt nicht nur am Thermostat. Er hat mit Luftfeuchtigkeit, Luftbewegung, Dämmung, Kleidung und sogar damit zu tun, wie aktiv man im Raum ist. Trockene 20 °C mit Zugluft können sich kälter anfühlen als stabile 21 °C in einer gut gedämmten Wohnung. Deshalb sprechen immer mehr Fachleute inzwischen von einem Temperaturbereich statt von einer einzigen magischen Zahl.
Für Wohnräume, in denen Menschen stundenlang sitzen, arbeiten oder entspannen, tendieren viele Expertinnen und Experten heute zu 20–22 °C als gesünderem Rahmen. Schlafzimmer dürfen kühler sein – ja –, aber gemeinschaftlich genutzte Wohnzimmer und Homeoffices brauchen mehr Differenzierung. Die 19-Grad-Regel stammt aus einer Zeit, in der Energie, Wohnen und Lebensstile ganz anders waren. Sie war nie als Gesetz für jeden Körper, in jedem Zuhause, im Jahr 2026 gedacht.
Der neue Expertenbereich: Wie warm sollte es zu Hause wirklich sein?
Der sich abzeichnende Konsens aus Bau-Fachwelt und öffentlichen Gesundheitsstimmen ist simpel: in Zonen denken statt in einer Zahl für die ganze Wohnung. Für Wohnzimmer und Homeoffice liegt der neue „Sweet Spot“ oft bei 21 °C, plus/minus ein Grad – je nachdem, wer dort lebt. Küche und Flur können eher bei 19–20 °C bleiben. Schlafzimmer? Viele Schlafexpertinnen und -experten empfehlen weiterhin 17–19 °C, besonders mit einer guten Bettdecke.
Entscheidend ist, wie lange man in einem Raum bleibt – und was man dort tut. Acht Stunden regungslos bei 19 °C vor einem Bildschirm zu verbringen, ist nicht dasselbe wie sich in einer warmen Küche bei derselben Temperatur zu bewegen. Die neue Empfehlung geht weniger um strikte Spar-Disziplin und mehr um die Balance zwischen Kosten, Komfort und Gesundheit.
Stellen wir uns eine kleine Wohnung vor, in der ein junger Elternteil inzwischen vier Tage pro Woche im Homeoffice arbeitet. Früher ergab die 19-Grad-Regel Sinn: tagsüber war niemand da. Jetzt sitzt dieselbe Person von 9 bis 18 Uhr auf demselben Stuhl im selben Raum. Im Januar kommen Verspannungen im Nacken dazu, kalte Hände, dieses dauernde Gefühl, nie richtig warm zu werden.
Nach einem Gespräch mit der Hausärztin und einem Energieberater probiert die Person etwas Einfaches: im Wohnzimmer während der Arbeitszeit konstant 21 °C einstellen, abends und nachts wieder absenken. Überraschend: Die Rechnung verändert sich kaum. Warum? Der Heizkessel muss nicht ständig extreme Sprünge zwischen „eiskalt“ und „Vollgas“ ausgleichen. Das Zuhause wird stabiler – und der Körper auch. Manchmal ist die kleine Veränderung nicht die, die man erwartet.
Gesundheitsbehörden betonen inzwischen einen Punkt besonders: Unter 18 °C über längere Zeit – vor allem in Räumen, in denen Menschen sitzen oder schlafen – steigen die Gesundheitsrisiken. Über 23–24 °C den ganzen Winter hinweg explodieren Kosten und Umweltbelastung. Zwischen 20 und 22 °C liegt eine Art Kompromisszone, in der Komfort und Energieverbrauch zusammengehen können – ergänzt durch Kleidungsschichten und kluge Heizzeiten.
Energieexpertinnen und -experten erinnern außerdem: Jedes zusätzliche Grad erhöht die Heizkosten grob um 7–10 %. Von 19 °C auf etwa 21 °C zu gehen, ist also nicht „nichts“. Gleichzeitig gilt: Starre 19 °C in jedem Raum, jeden Tag, für jede Person – das passt nicht mehr zum medizinischen Wissen. Die echte Strategie heißt: smarter heizen, nicht um jeden Preis kälter.
So finden Sie Ihre neue „Idealtemperatur“, ohne die Rechnung zu sprengen
Praktisch ist es, beim eigenen Körper anzufangen – nicht beim Thermostat. Wählen Sie einen kalten Tag, ziehen Sie normale Kleidung für drinnen an (kein Skianzug, aber auch keine Sommershorts) und stellen Sie den Hauptraum auf 20 °C. Sitzen Sie eine Stunde dort, lesen oder arbeiten Sie. Dann erhöhen Sie um 0,5 °C und setzen sich wieder hin. Irgendwo zwischen 20 und 22 °C kommt dieser subtile Moment: Man denkt nicht mehr an die Kälte.
Das ist Ihre persönliche Komfortzone. Danach können Sie nach Tageszeit anpassen: morgens und an langen Sofa-Abenden etwas wärmer, etwas kühler, wenn Sie sich mehr bewegen. Ein programmierbares Thermostat oder smarte Heizkörperventile machen diese „Choreografie“ fast automatisch.
Viele leben noch nach Gewohnheiten aus alten Häusern: tagsüber Heizung aus, abends dann volle Leistung. Das wirkt tugendhaft, verschwendet aber oft Energie und macht die Wohnung feucht und klamm. Eine stabile, leicht niedrigere Grundtemperatur, die man etwas anhebt, wenn man zu Hause ist, ist häufig effizienter und deutlich angenehmer.
Auf der menschlichen Ebene verstecken sich hinter Streit in Paaren oder WGs oft andere Dinge: unterschiedliche Stoffwechsel, unterschiedliche Geld-Erfahrungen, unterschiedliche Gesundheitsbedürfnisse. Offen darüber zu sprechen, statt über „19 oder 21?“ zu kämpfen, kann viel entspannen. Seien wir ehrlich: Kaum jemand macht das wirklich jeden Tag – auf das Grad genau nach Uhrzeiten, Räumen und Aktivität regeln. Aber ein oder zwei kleine Routinen können bereits verändern, wie sich das Zuhause anfühlt.
Fachleute betonen außerdem: Sie sind nicht „schwach“, wenn es Ihnen bei 19 °C nicht gut geht. Ihr Körper, Ihr Alter, Ihre Gesundheit und Ihr Stressniveau verändern den Wärmebedarf. Ein Experte brachte es drastisch auf den Punkt:
„Die richtige Temperatur ist die, die Sie warm genug hält, um gesund zu bleiben und Ihr Leben zu leben – ohne die Straße mitzuheizen.“
Um das konkret zu machen, helfen einfache Schritte:
- Zielbereich festlegen: 20–22 °C in Wohnbereichen, 17–19 °C in Schlafzimmern.
- Zeitfenster programmieren: wärmer, wenn Sie zu Hause sind und still sitzen; kühler, wenn Sie weg sind oder schlafen.
- Türen zwischen beheizten und unbeheizten Räumen schließen, um Wärmeverluste zu vermeiden.
- Nachts dicke Vorhänge zuziehen, tagsüber für Sonnenlicht öffnen.
- Drinnen Kleidung schichten, statt T-Shirt-Komfort bei 24 °C zu erwarten.
Jede dieser Gesten ist klein. Zusammen entsteht ein Zuhause, in dem man sich aufgehoben fühlt – nicht von einer abstrakten Regel bestraft.
Ein neuer Blick auf Wärme zu Hause
Der Fall der 19-Grad-Regel sagt viel über unsere Zeit. Jahrelang versuchten wir, gesunden Menschenverstand durch eine universelle Zahl zu ersetzen. Auf dem Papier wirkte das klar, es passte in öffentliche Kampagnen – aber es passte nicht zur komplexen Realität von Körpern, Wohnungen und Lebenssituationen. Die neue Expertenbotschaft klingt weniger heroisch, dafür ehrlicher: einen Bereich anpeilen, auf das eigene Empfinden hören und nach Raum und Person anpassen.
Dieser Wandel eröffnet auch ein ehrlicheres Gespräch über Gesundheit und Geld. Menschen, die aus Schuldgefühl ihr Wohnzimmer auf 17 °C hielten, merken, dass sie Richtung 20–21 °C gehen können, ohne den Planeten zu „verraten“ – wenn sie es mit Dämmmaßnahmen, einfachen Gewohnheiten und besseren Zeitplänen kombinieren. Wer früher bei 24–25 °C überheizte, entdeckt vielleicht, dass das Abdichten von Zugluft und das Senken um nur ein Grad denselben Komfort bringt – bei geringerer Rechnung.
Tiefer betrachtet geht es beim Heizen darum, wie wir für uns selbst und für die Menschen sorgen, mit denen wir leben. An einem grauen Sonntag hat ein warmer Topf Tee in einem Raum, der sich genau richtig anfühlt, mehr mit Mikro-Entscheidungen von 1–2 Grad zu tun als mit Slogans. In einem finanziell harten Monat kann das Wissen um eine sichere Mindesttemperatur viel stille Angst reduzieren. In einem langen Winter ist es schon eine Form von Schutz, sagen zu können: „Mir ist kalt, können wir ein bisschen höher drehen?“ – ohne Scham.
Wir alle kennen diesen Moment, wenn man in eine Wohnung kommt und sofort das Gefühl hat, von Wärme empfangen zu werden, ohne genau zu wissen, warum. Dieses Gefühl liegt selten exakt bei 19 °C. Es lebt zwischen 20 und 22 °C, in einer gut gewählten Decke, in einer Tür, die man konsequent schließt, in einer alten Undichtigkeit, die man endlich abdichtet. Wenn Sie das nächste Mal vor dem Thermostat stehen, fragen Sie vielleicht nicht „Was ist die Regel?“, sondern: „Was brauchen wir heute Abend wirklich?“ Diese kleine Frageverschiebung könnte die eigentliche Revolution sein.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für Leserinnen und Leser |
|---|---|---|
| Die 19-Grad-Regel ist überholt | Sie berücksichtigt neue Gewohnheiten (Homeoffice, Gesundheit, Dämmung) nicht ausreichend | Verstehen, warum man trotz „Einhaltung“ der alten Vorgabe friert |
| Neue empfohlene Spanne | 20–22 °C in Wohnräumen, 17–19 °C in Schlafzimmern | Konkreter Anhaltspunkt zum Heizen ohne Schuldgefühle |
| Zonen- und Zeitstrategie | Stabile Temperatur, angepasst an Nutzung der Räume | Mehr Komfort bei kontrollierbaren Energiekosten |
FAQ
- Ist 19 °C gefährlich für meine Gesundheit? Kurze Phasen bei 19 °C sind für viele Menschen unproblematisch, aber lange Tage oder Nächte auf diesem Niveau können für ältere Menschen, Babys und Personen mit chronischen Erkrankungen riskant sein. Viele Gesundheitsbehörden sehen 18 °C inzwischen als Mindestwert – nicht als Komfortziel.
- Welche Temperatur empfehlen Expertinnen und Experten heute wirklich? Für Wohnzimmer und Homeoffice nennen viele Fachleute eine Spanne von 20–22 °C; Schlafzimmer etwas kühler bei etwa 17–19 °C – angepasst an Alter, Gesundheit und Aktivität.
- Explodiert meine Rechnung, wenn ich von 19 °C auf 21 °C erhöhe? Jedes zusätzliche Grad erhöht die Heizkosten grob um 7–10 %. Wenn Sie mit besserer Zeitsteuerung, geschlossenen Türen und dem Abdichten von Zugluft gegensteuern, kann der Effekt überschaubar bleiben.
- Ist es effizienter, die Heizung auszuschalten, wenn ich rausgehe? Bei kurzen Abwesenheiten ist es oft besser, die Temperatur etwas abzusenken, statt alles komplett auszuschalten. Eine völlig ausgekühlte Wohnung braucht mehr Energie zum Wiederaufheizen und kann feucht wirken.
- Wie bleibe ich komfortabel, wenn ich mir höhere Temperaturen nicht leisten kann? Konzentrieren Sie sich auf ein oder zwei zentrale Räume, verbessern Sie die Dämmung dort, wo es geht (Zugluft abdichten, Vorhänge), nutzen Sie Kleidungsschichten und Decken – und achten Sie in genutzten Räumen auf die 18-°C-Mindestgrenze für die Gesundheit.
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