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Die 19-Grad-Heizregel ist vorbei. Experten empfehlen nun eine neue Temperatur, die Streit unter Nachbarn auslöst.

Drei Personen unterhalten sich im hellen Wohnzimmer, zwei halten Tassen, eine zeigt ein Gerät. Pflanzen im Hintergrund.

One neighbour umkreiste 19 °C mit einem roten Stift: „Von der Regierung empfohlen“. Der andere kritzelte daneben: „Nicht in meiner Wohnung – mindestens 22 °C“. In diesem kleinen, hallenden Haus knallten die Türen plötzlich ein bisschen härter. Jemand drehte den Gemeinschaftskessel um zwei Grad herunter. Jemand anderes rief leise den Vermieter an.

In ganz Europa wird diese alte 19-°C-Regel – lange verkauft als magischer Kompromiss zwischen Komfort und Sparen – still und leise infrage gestellt. Ärztinnen und Ärzte, Energieexpertinnen und -experten und sogar Schlafspezialistinnen und -spezialisten drängen inzwischen auf eine etwas andere Zahl. Eine, die auf dem Papier harmlos klingt, im Alltag aber Nachbarn, Paare und sogar Kolleginnen und Kollegen an die Gurgel bringt.

Ein winziger Dreh am Thermostat. Ein sehr menschlicher Sturm.

Die 19-°C-Regel verblasst – und es wird persönlich

Jahrelang galt 19 °C wie eine heilige Zahl. Regierungen empfahlen sie, Energiekampagnen wiederholten sie, umweltbewusste Freunde zitierten sie beim Abendessen. Es fühlte sich an wie eine Linie im Sand: warm genug, um klarzukommen, niedrig genug, um „seinen Beitrag zu leisten“.

Jetzt brechen Fachleute die Reihen. Viele bewegen sich in Richtung 20–21 °C als realistischeren Sweet Spot für Wohnzimmer und Homeoffice. Manche Public-Health-Expertinnen und -Experten sagen sogar, 21 °C sollte das Minimum sein – für Menschen, die älter sind, Herz- oder Atemwegserkrankungen haben oder viele Stunden still sitzend verbringen.

Auf dem Papier sind das nur zwei Grad mehr. In einem Mehrparteienhaus, in dem eine Person die Sammelheizkosten zahlt und die anderen eine Pauschale, ist das eine finanzielle Handgranate mit Zeitzünder.

Nehmen wir diese kleine Straße in Lyon, wo ein Block aus den 1960ern zum stillen Schlachtfeld geworden ist. Im dritten Stock trägt Jeanne, 74, zwei Pullover und bittet den Verwalter unablässig, die Heizung hochzudrehen. „Meine Hände sind um 17 Uhr blau“, sagt sie und zeigt auf das Thermostat mit 18,7 °C. Sie hat Herzprobleme, geht langsam und ist die meiste Zeit zu Hause.

Zwei Stockwerke darunter arbeitet Maxime, 29, in der Tech-Branche und hat jeden Thread über Energiesparen gelesen. In der WhatsApp-Gruppe des Hauses postet er: „19 °C sind schon großzügig, zieht euch wärmer an.“ Als jemand die neuen Empfehlungen von 20–21 °C für vulnerable Personen erwähnt, antwortet er mit einem Screenshot seiner Gasrechnung. Der Chat erstarrt.

Dieses Mikrodrama spielt sich gerade in tausenden Häusern ab. Eigentümerversammlungen in kalten Kellern, um über eine einzige Zahl abzustimmen. Vermieter, die still Temperaturklauseln in Mietverträge schreiben. Mieterinnen und Mieter, die Verbraucherzentralen anrufen, weil ihre Wohnung nie den neu empfohlenen Bereich erreicht.

Hinter den Zahlen verschiebt sich die fachliche Begründung. Die 19-°C-Regel stammte aus einer Mischung aus alten Normen, Energieknappheit und einer Kultur, in der sich Menschen tagsüber einfach mehr bewegten. Wohnungen waren zugiger, Kleidung dicker, und ein bisschen Frieren drinnen wurde eher akzeptiert.

Heute arbeiten mehr von uns zu Hause, sitzen stundenlang am Bildschirm und leben in Körpern, die nicht alle gleich auf dieselbe Kälte reagieren. Gesundheitsbehörden weisen darauf hin, dass ein längerer Aufenthalt in Räumen unter 18 °C das Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegsprobleme erhöht – besonders bei älteren Menschen und Kindern. Viele landen deshalb bei 20–21 °C als sicherer Basiswert für bewohnte Räume, während Schlafzimmer nachts kühler sein dürfen.

Energieökonominnen und -ökonomen verweisen auf eine weitere Realität: Der Sprung bei den Kosten zwischen 19 °C und 21 °C ist nicht linear. Jedes zusätzliche Grad kann den Heizenergieverbrauch um rund 7 % erhöhen. Über einen Winter ist das kein Detail. Die „neue“ Expertentemperatur lebt daher in einer Spannung: gesünder und komfortabler für viele, aber belastend für diejenigen, die ohnehin am Limit sind.

Wie man mit der neuen Regel lebt, ohne einen Kalten Krieg zu beginnen

In Haushalten, die aufgehört haben, über das Thermostat zu streiten, zeichnet sich eine stille Strategie ab: Sie arbeiten mit Zonen statt mit einer einzigen heiligen Temperatur. Statt endlos über „die“ Zahl zu diskutieren, legen sie fest, welche Räume den neuen Standard von 20–21 °C verdienen – und welche näher bei 18–19 °C bleiben können.

Wohnzimmer und Homeoffice: während der aktiven Zeiten auf den empfohlenen Bereich erwärmt. Schlafzimmer: nachts dürfen sie auf 17–18 °C fallen. Flure, Toiletten, Abstellräume: kühler, teils bis 15–16 °C. Der Heizkessel folgt einer Tageskurve, die zum echten Leben passt, nicht zu einer starren Theorie. So lässt sich die Fach-Empfehlung differenzierter umsetzen, ohne Budget oder Stimmung zu sprengen.

In Mehrparteienhäusern gelingt die Entschärfung oft am besten, wenn zuerst echte Messwerte geteilt werden. Eine Genossenschaft in Brüssel brachte für eine Woche Funkthermometer in jeder Wohnung an. Als sie feststellten, dass manche Einheiten kaum 18 °C erreichten, während andere bei identischer Einstellung 23 °C hatten, verschob sich der Streit.

Statt „du bist egoistisch“ gegen „du bist empfindlich“ ging es plötzlich um Dämmung, undichte Fenster und den hydraulischen Abgleich der Heizkörper. Sie einigten sich auf 20 °C als Zielwert für den Hauptheizkreis und investierten gemeinsam in Türdichtungen und Thermostatventile. Der Nachbar, der 22 °C wollte, nutzt jetzt abends einen kleinen, effizienten Elektroheizer – aus eigener Tasche bezahlt – und niemand beschwert sich.

Der versteckte Schlüssel in all diesen Geschichten ist Kommunikation vor dem Winter, nicht während der ersten Kältewelle, wenn die Geduld ohnehin dünn ist. Auf einer sehr menschlichen Ebene schafft das Gespräch über Gesundheit, Budgets und Komfort, solange es draußen noch warm ist, mehr Raum für Empathie.

Energie- und Gesundheitsexpertinnen und -experten sagen oft: Die neuen Temperaturwerte sind ein Ausgangspunkt, kein Gebot. Für sie sind 20–21 °C ein Kompass, kein Gesetz. Sobald Theorie auf Decken, Zugluft und sehr reale Bankkonten trifft, wird es unordentlich. Und genau da hilft manchmal „parler vrai“: Seien wir ehrlich: Niemand hält das wirklich jeden Tag durch.

Eine Fachperson für Bauphysik fasste es so zusammen:

„Wir schreiben Zahlen aufs Papier, aber Menschen leben in Körpern, in Geschichten, in ungleichmäßigen Wohnungen. Die richtige Temperatur ist eine Vereinbarung, nicht nur eine Einstellung.“

Von dort aus können ein paar praktische Hebel Streit verhindern, bevor er beginnt:

  • Legen Sie in der Eigentümerversammlung eine schriftliche Temperaturspanne für gemeinsam beheizte Bereiche fest (z. B. 20–21 °C).
  • Planen Sie einen Termin mit einer Fachkraft, um Heizkörper abzugleichen und unterversorgte Wohnungen zu identifizieren.
  • Schaffen Sie ein tägliches „Komfortfenster“, in dem die Heizung etwas höher läuft, und senken Sie nachts um 1–2 Grad.
  • Sprechen Sie offen über vulnerable Bewohnerinnen und Bewohner, die dieses zusätzliche Grad brauchen könnten – ohne Schuldgefühle.
  • Teilen Sie Rechnungen anonymisiert ein- bis zweimal im Jahr, damit alle die finanzielle Realität sehen.

Eine neue soziale Norm – noch im Bau

Die Abkehr vom alten 19-°C-Mantra sagt viel darüber, wie sich unser Leben verändert hat. Arbeit, Gesundheit, Klima, Energiepreise: Alles kollidiert in der simpelsten täglichen Geste, einem kleinen Dreh am Rad an der Wand. Wir merken, dass eine „normale“ Raumtemperatur nicht nur eine Frage für Ingenieurinnen und Ingenieure ist, sondern ein sozialer Vertrag.

Manche werden an 19 °C festhalten – als Abzeichen der Tugend oder aus Notwendigkeit. Andere werden die frischen Empfehlungen zitieren und auf 21 °C drängen, besonders mit Blick auf fragile Menschen im Haus oder in der Familie. Dazwischen liegt eine Verhandlung, die fürsorglich oder grausam sein kann. Ein Paar, das entscheidet, wessen Körper mehr „zählt“. Eine WG, in der jemand heimlich eine smarte Steckdose an den Heizlüfter hängt. Eine Nachbarschaftsversammlung, in der schließlich jemand leise sagt: „Ich kann mir dieses eine Grad mehr nicht leisten.“

Diesen Winter zeigt Ihr Thermostat vielleicht 20 oder 21 °C. Was es wirklich zeigt, ist das Gleichgewicht, das Sie gefunden haben – zwischen Komfort und Kosten, zwischen Expertenrat und der Realität Ihrer Wände, zwischen Ihrer Wärme und der der Person nebenan. Auf dem Papier sind es nur ein paar Grad. Im echten Leben ist es ein ganzes Gespräch, das darauf wartet, geführt zu werden.

Schlüsselpunkt Detail Nutzen für Leserinnen und Leser
Die 19-°C-Norm verschiebt sich Fachleute tendieren nun zu 20–21 °C für zentrale Aufenthaltsräume, besonders für vulnerable Menschen. Hilft zu verstehen, warum offizielle Empfehlungen anders klingen als vor ein paar Jahren.
Temperatur ist eine soziale Vereinbarung In Mehrparteienhäusern und Familien muss verhandelt werden – statt einer einzigen „magischen“ Zahl zu folgen. Liefert Argumente und Empathie-Werkzeuge, um „Thermostatkriege“ zu vermeiden.
Zonenheizen funktioniert besser Wärmere Wohnräume, kühlere Schlafzimmer und Flure, mit Tageskurven. Ermöglicht die Umsetzung von Empfehlungen, ohne dass die Rechnung explodiert.

FAQ:

  • Welche Temperatur empfehlen Expertinnen und Experten jetzt wirklich?
    Die meisten Public-Health- und Energieexpertinnen und -experten empfehlen tagsüber etwa 20–21 °C in Wohn- und Arbeitsbereichen; Schlafzimmer dürfen nachts etwas kühler sein.
  • Ist es ungesund, meine Wohnung auf 19 °C zu halten?
    Für viele gesunde Erwachsene, die sich bewegen und warm anziehen, können 19 °C in Ordnung sein. Für ältere Menschen, Kinder oder Personen mit Herz- oder Atemproblemen gilt ein Bereich näher bei 20–21 °C meist als sicherer.
  • Wie viel mehr zahle ich, wenn ich von 19 auf 21 °C gehe?
    Eine gängige Faustregel sind rund 7 % mehr Heizenergie pro zusätzlichem Grad. Von 19 auf 21 °C kann den Verbrauch – je nach Wohnung und Anlage – um etwa 14 % erhöhen.
  • Was, wenn mein Nachbar 23 °C will und ich mir das nicht leisten kann?
    Bei Sammelheizungen muss das auf Gebäudeebene besprochen werden. Oft wird eine maximale Zieltemperatur beschlossen; wer mehr will, nutzt zusätzliche lokale Heizung in der eigenen Wohnung und bezahlt diese selbst.
  • Wie vermeiden wir Konflikte ums Heizen in unserem Haus?
    Beginnen Sie mit gemeinsamen Daten (Thermometer in jeder Wohnung), einigen Sie sich auf eine Temperaturspanne für die Gemeinschaftsheizung, sprechen Sie offen über vulnerable Bewohnerinnen und Bewohner und prüfen Sie die Kosten gemeinsam ein- bis zweimal pro Jahr.

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